Warum sich OSINT wie in der Steinzeit anfühlen kann
OSINT-Plattformen wirken noch immer schwerfällig, weil moderne Ermittlungen unübersichtlichere, tiefere und stärker grenzüberschreitende Arbeitsabläufe erfordern, als die meisten Tools unterstützen.

Jedes Mal, wenn ich eine neue Ermittlung beginne, fühle ich mich ins Jahr 1955 zurückversetzt. OSINT-Software ist noch immer schwerfällig, archaisch und hat mit dem, was Ermittler heute tatsächlich leisten müssen, nicht Schritt gehalten. Ich glaube allerdings nicht, dass es nur an den Plattformen liegt. Alle beten dieselben Schritte der Footprint-Analyse nach, während die Personen und Unternehmen, die wir eigentlich verfolgen sollen, praktisch vor aller Augen verschwinden.
Um es klar zu sagen: Ermittlungen aus offen zugänglichen Quellen (OSINT) sind heute zum Verrücktwerden.
OSINT-Arbeitsabläufe haben sich nicht bewegt
Ich meine damit nicht Dinge wie das Abgreifen von E-Mail-Adressen, das Auswerten von Domain-Registrierungsdaten oder das Auslesen von Social-Media-Profilen. Das interessiert mich nicht. Ich spreche von tiefergehenden Aufgaben: das System einer Person aufzudröseln, herauszufinden, mit wem sie tatsächlich spricht, welche Unternehmen sie kontrolliert, wie sie Vermögenswerte versteckt, wo ihre Strohleute sitzen, wer was wäscht und warum eine unscheinbare Technologieberatung in Moldau plötzlich in fünf verschiedenen Registern auftaucht.
Es sind immer Dinge wie diese, an denen Ermittler tatsächlich hängen bleiben. Ich erinnere mich, wie ich vier Tage an einer Unternehmensermittlung saß, während das, wonach ich suchte, in einem Handelsregistereintrag aus Bengkulu von 2010 hingekritzelt stand.
Viele behandeln Ermittlungen aber noch immer, als würden sie seltene Sammelkarten zusammentragen. „Wir haben alle Social-Media-Konten gefunden!" Großartig. Währenddessen betreibt die Zielperson sieben Identitäten über verschiedene Jurisdiktionen hinweg mit voneinander abweichenden Transliterationskonventionen, und niemand hat auch nur das armenische Steuerportal geprüft, weil „wir da normalerweise nicht nachsehen".
Aktuelle Beispiele aus Ermittlungen
- Das vietnamesische Geldwäschenetzwerk von 2024, das Briefkastenfirmen in Singapur ausnutzte
Statt sich auf den Instagram-Glamour zu konzentrieren, knackten Ermittler eine Geldwäscheoperation im Umfang von 8 Millionen US-Dollar, indem sie nominelle Direktoren und Adressen von Briefkastenfirmen überprüften, die bei Singapurs ACRA hinterlegt waren, und die Adressen aufgelöster Unternehmen mit behördlichen Postleitzahlenänderungen abglichen. So kamen die früheren Identitäten der Mitglieder des vietnamesischen Syndikats ans Licht.
- Der Kokainschmugglerring auf dem Westbalkan 2023–2024
Der entscheidende OSINT-Hinweis kam nicht von schillernden Cyber-Indikatoren, sondern aus serbischen und montenegrinischen Gerichtsarchiven, die die Beziehungen der beschuldigten Schmuggler dokumentierten – indexiert unter Geburtsnamen aus der Zeit vor der Digitalisierung. Sie zeigten, wie die Hauptakteure illegale Finanzströme über nach Verwandten benannte Logistik- und Strohfirmen quer über den Balkan abschirmten.
- Die Influencer-Betrugsoperation in Singapur (2023–2025)
Das Netzwerk wurde nicht durch „Cyber-Indikatoren" aufgedeckt. Es flog auf, weil sich endlich jemand die Mühe machte, die eingescannten serbischen Gerichtsakten von 2016 zu prüfen, in denen der Geburtsname einer Cousine im Zusammenhang mit einem Speditionsunternehmen aufgeführt war. Niemand war auf die Idee gekommen, in Archive aus der Zeit vor der Digitalisierung zu schauen. Das gesamte Netzwerk steckte in einem Stapel PDFs, die aussahen, als wären sie durch einen Fleischwolf gefaxt worden.
- Bulgarisch-griechischer Antikenschmuggel, 2024
Ein Tippfehler in einer bulgarischen Grabungsgenehmigung von 2007 brachte die Alias-Nutzung des Kopfes eines Kunstschmuggelrings ans Licht. Abgeglichen mit aktuellen Frachtpapieren, OSINT-Recherchen zu Kunstverkäufen in sozialen Medien und Handelsdaten half dies, im Zuge des erneuten Vorgehens gegen den Balkan-Schmuggel mit griechischen Artefakten 2024 Identitäten miteinander zu verknüpfen.
Und so geht es weiter. Und weiter. Und weiter. Glauben Sie mir, meine Notizen wollen Sie nicht sehen.
Ermittlungen scheitern, weil sie einer überholten Struktur folgen
Ehrlich gesagt lassen sich die Arbeitsabläufe einer einfachen Ermittlung zu einer Person vorhersagen:
- Zielperson identifizieren.
- Konten zusammentragen.
- Domains abrufen.
- Öffentliche Register durchsuchen.
- Das Ganze ein wenig wiederholen.
- Bericht schreiben.
Das ist prozedural und ordentlich – aber für 2025 ist es falsch.
Moderne OSINT-Ermittlungen erfordern eher eine Mischung aus Archäologie und forensischer Linguistik. Man braucht Intuition für bizarre, scheinbar zufällige Phänomene wie Namenskonventionen in unterschiedlichen Kulturen und undurchsichtige Offshore-Finanzstrukturen. Ermittler müssen wissen, wie Unterlagen etwa auf den Philippinen tatsächlich abgelegt werden, wo Mittelinitialen mitunter vollständige Namen ersetzen, oder dass usbekische Unternehmen ausländische Direktoren manchmal mit vertauschten Datumsformaten eintragen – je nachdem, wer den Eintrag getippt hat.
Diese Dinge lehren wir nicht. Wir sollten es tun. Das ist meines Erachtens einer der größten Bereiche, in denen KI einen Korpus an Fachwissen aufbauen kann, um Ermittler zu unterstützen, wenn sie über solche Dinge stolpern.
Wo sich OSINT-Ermittlungen sofort weiterentwickeln müssen
- Identitätsvarianz über Jurisdiktionen hinweg
Es wird gern vergessen, dass der Name ein und derselben Person unterschiedlich mutiert – je nachdem, welcher Registerbeamter ihn eingetippt hat. Ermittlungen müssen phonetische, linguistische und transliterationsbedingte Abweichungen einbeziehen: serbisches Kyrillisch, armenische Patronyme, indonesische Namenskonventionen und so weiter. Bedrohungsakteure und Kriminelle nutzen das längst aus; Ermittler müssen aufholen.
- Register abseits der ausgetretenen Pfade
Alle konzentrieren sich auf LLCs in Delaware oder das britische Companies House. Doch sich durch kommunale Register in Nordmazedonien zu arbeiten, durch japanische Amtsblattmeldungen oder Grundbucheinträge in Rajasthan, die Dokumente noch nach Familienlinien ablegen, ist mühsam. Und manchmal verbergen sich genau dort ziemlich wichtige Fragmente.
- Kartierung des sekundären Umfelds
Schauen Sie nicht nur auf die Zielperson, sondern auf den Freund, dessen Hund auf jedem Hintergrundfoto auftaucht. Auf den plötzlich international agierenden Etsy-Shop der Schwägerin. Auf den Angelschein des Bruders eines Sachbearbeiters im Beschaffungswesen.
Ja, das sind echte Beispiele. Ich denke gerade an einen Fall im Kaukasus, in dem Ermittler im Kontext eines Falls von Sanktionsumgehung im Beschaffungswesen 2024 sekundäre Akteure kartierten und Lizenzen über obskure öffentliche Register und nicht offensichtliche Verbindungen gegenprüften.
- Spuren in der öffentlichen Infrastruktur
Nicht im Sinne von Cyber-Exponierung, sondern eher:
- Welcher Mobilfunkmast versorgte den letzten bekannten Aufenthaltsort?
- Welche Frachtpapiere passen zu den Reisebewegungen?
- Welche kommunalen Reparaturprotokolle zeigen, wann die Straße zuletzt aufgerissen wurde – ein Hinweis auf neu verlegte Glasfaser?
Kleinkram. Aber genau hier liegt das Gold der Ermittlungsarbeit.
- Zeitliche Muster
Niemand versieht irgendetwas ordentlich mit Zeitstempeln. Es wird nur gesammelt. Doch Ermittlungen hängen an Abfolgen. Wenn ein Direktor in derselben Woche zurücktritt, in der eine Lieferung über einen verdächtigen Hafen umgeleitet wird, ist das relevant. Wenn eine Domain am selben Tag ihre DNS-Einträge aktualisiert, an dem ein Reisepass verlängert wird? Auch das ist relevant.
- Nicht-digitale Spuren
Zeitungsausschnitte. NGO-Rundbriefe. Traueranzeigen. Der Kopf eines Kunstschmuggelrings wurde einmal über ein altes Versand-Alias in eingescannten Grabungsgenehmigungen identifiziert, abgeglichen mit versehentlich veröffentlichten Ausstellungskatalogen.
Warum mich das mehr ärgert, als es sollte
Weil die Lücke nicht am Geld liegt. Nicht an den Ressourcen. Meist nicht einmal am Können.
Es liegt an Denkweise und Technologie.
OSINT muss aufhören, sich wie eine Suchmaschine zu verhalten, und anfangen, sich wie eine Bibliothekarin zu verhalten, die sich noch erinnert, welcher Cousin 2005 in welche Familie eingeheiratet hat.
Solange OSINT-Ermittler diesen Instinkt – unordentlich, nichtlinear, obsessiv, forensisch – nicht entwickeln, werden Menschen weiterhin hinter neuen Identitäten, neuen Briefkastenfirmen, neuen Tarnungen entwischen. Und wir werden weiter auf dieselben Dashboards starren und so tun, als wäre das Bild vollständig.
Ist es nicht. War es nie (wirklich!).
Aber nehmen wir an, wir beginnen, an den Orten zu suchen, die wir bislang ignoriert haben. Dann tauchen die verstaubten Register, die eigentümlichen kulturellen Namenskonventionen, die versprengten Immobilienanzeigen und die versehentlich hochgeladenen, vergessenen PDFs tatsächlich in Ermittlungen auf.
Dann hören wir vielleicht endlich auf, Ermittlungen zu führen, als wäre es 2016.
Und beginnen, sie so zu führen, wie es die Welt verlangt, in der wir heute tatsächlich leben.